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Ganzheitliche Psychologie
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12.11.2022

Vorsicht, Stufe! – Wie du Angst in Vertrauen und Liebe transformierst

Angst kann Leben retten. In den meisten Fällen aber verhindert sie das Leben in seiner ganzen Tiefe und Vielfalt, weil wir uns von ihr lähmen lassen. In diesem Artikel erkunden wir, wie wir das ändern können und ins Vertrauen finden.
Phi mit Team

Menschen empfinden Angst. Sie ist etwas Natürliches und jedem Menschen von der Natur als nützliche Emotion mit auf den Weg gegeben. Evolutionär diente Angst den Menschen zur Arterhaltung, indem der Körper – stand er einst einem Säbelzahntiger gegenüber – zur Höchstleistung aufläuft, um möglichst schnell und mit all seinen Energiereserven die rettende Flucht ergreifen zu können. So weit, so nützlich!

Heute schon in Lebensgefahr gewesen?

Nun sind allerdings die Tage rar geworden, an denen wir Säbelzahntigern begegnen. Damit meine ich natürlich nicht nur die echten Säbelzahntiger, sondern auch die metaphorischen, die für sämtliche Situationen stehen, in denen wir wirklich in lebensbedrohlicher Gefahr sind. Also – so könnte man meinen – könnten wir Menschen doch mittlerweile ein nahezu angstfreies Leben genießen, oder nicht?

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Manche Menschen schaffen das tatsächlich. Die meisten von uns allerdings begehen ihren Alltag mit einer Prägung von Angst, die dieses Gefühl präsenter werden lässt, als zu den Zeiten, in denen Menschen tatsächlich fortdauernd um ihr Leben fürchten mussten. Warum ist das so?

Um das zu verstehen, muss man sich klar machen, dass Angst nicht ausschließlich evolutionär in uns verankert ist, sondern auch erlernt werden kann. Wenn wir im Kindesalter bereits auf Gefahren hinter jeder Ecke hingewiesen werden, speichert unser Gehirn diese Informationen ab. Der Titel dieses Beitrages ist ein gutes Beispiel. Ich wurde als Kind von meiner Mutter vor jeder Stufe gewarnt. "Vorsicht, Stufe!" mahnte sie bei jeder Gelegenheit, verbunden mit einem wachsamen Blick auf jede noch so kleine Unebenheit am Boden. Unser Reptiliengehirn, das unser Überleben sichern will, übersetzt das auf seine Weise und speichert im Laufe der Jahre ab: "Die Welt ist ein unsicherer Ort und ich muss höllisch aufpassen, damit mir nichts Schlimmes widerfährt."

Die Angst vor dem Leben

Rational gesehen ist das sinnlos, denn ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals tatsächlich über eine Stufe gestolpert zu sein, geschweige denn, mich dadurch verletzt zu haben. Heute weiß ich: Die Gefahr, die von Stufen ausgeht, ist eine Scheingefahr und gleichzeitig steht die Stufe sinnbildlich für eine unendlich große Zahl an Dingen, vor denen man Angst haben kann, ohne dass von ihnen eine wirkliche Gefahr ausgeht. Die Vielzahl an Phobien, die Menschen entwickeln, sei es vor kleinen Räumen, Menschenmassen, Tunneln, Höhen, Geschwindigkeiten oder kleinen Krabbeltieren: Sie alle stellen nichts anderes als winzige Stufen dar, über die wir einfach schreiten könnten. Und doch ist die Fahrt in einem zu engen Fahrstuhl für viele Menschen undenkbar.

Angst ist eine Verkleidungskünstlerin!

Vielleicht denkst du dir jetzt: Angst vor Stufen, das ist doch reine Vorsicht und es spricht doch nichts dagegen, verantwortungsbewusst und mit Vorausschau durch’s Leben zu gehen. Genau hier liegt für Menschen, die eine Angststörung haben, das Problem: Angst ist eine Verkleidungskünstlerin! Allzu oft erkennen Menschen, die unter einer starken Angstprägung leiden, gar nicht, dass sie eine solche haben. Angst begegnet ihnen oftmals in der Gestalt von Vorsicht, Verantwortungsbewusstsein, vielleicht sogar als die Fähigkeit, Geschehnisse zu antizipieren. Allesamt positive Eigenschaften, würde man meinen. In der Konsequenz bedeutet dies aber, dass du dich für das Verspüren von Angst sogar belohnst. „Ich sehe Gefahren, die der Wahrnehmung anderer entgehen und gehe deshalb sicherer durch’s Leben als andere“. Kommt dir dieser Glaubenssatz bekannt vor? Falls ja, dann wird dir im Laufe deines Lebens der Titel dieses Artikels so oder in übertragener Form sehr oft begegnet sein. Und du hast Recht: Deine Fähigkeit, in allem und jedem Gefahren zu erkennen, hat dir sicherlich den einen oder anderen blauen Fleck erspart. Bedanke dich bei deiner Angst dafür, dass sie dir bis hierhin gedient hat.

Wenn du aber diesen Artikel bis hier gelesen hast, dann vermutlich, weil du auch die andere Seite von Angst kennst. Wir gehen nämlich alle mit einem bestimmten Fokus durch den Alltag und Menschen, die mit einer Prägung durch Angst leben, sehen eben das, auf das sie ihre Wahrnehmung trainiert haben: Gefahren. So kann aus einem Spaziergang über einen wunderschönen, aber mittelmäßig abgesicherten Wanderweg der buchstäbliche Spießrutenlauf werden. Unser Fokus wandert von den schönen Dingen, die uns umgeben, hin zu einem Ausforschen möglicher Gefahrenquellen. Wir sehen nicht den traumhaften Ausblick, der sich uns bietet, sondern jeden Stolperstein, der auf unserem Weg liegt. Ein solcher Spaziergang kann für dich also entweder die Quelle wunderschöner Eindrücke und Erfahrungen oder eine anstrengende, von Angst durchsetzte Aufgabe sein, die es zu bewältigen gilt. Vielleicht vermeidest du aufgrund deiner Angst sogar derartige Erfahrungen insgesamt. Ohne Bewusstheit für deine Angst gehst du unterbewusst mit einem Autopiloten, der dauerhaft im reinen Überlebensmodus ist, durch das Leben.

Zurück zu mir: Ich habe erst im Erwachsenenalter erkannt, dass Angst zu einem Prozent hilfreich und zu 99 Prozent lähmend ist. Vielleicht kennst du das Gefühl, sorglose aber gleichzeitig überraschend glücklich wirkende Menschen zu beobachten und dich zu fragen, warum sie die Fähigkeit haben, den Moment voll und ganz zu genießen, ohne von Sorgen und Ängsten beschwert zu sein. Wenn du schon einmal an einer Skipiste gestanden und dich darüber gewundert hast, wie viele Menschen sich mit einem Riesenspaß den Berg hinabstürzen, während du vor deinem geistigen Auge sofort das Gipsbein im Krankenhaus siehst, dann weißt du bereits, dass Angst oft zwischen dir und großartigen, lebendigen Erfahrungen stehen kann. Für diese Erkenntnis hat es in meinem Fall horizonterweiternde Begegnungen und tiefe Einblicke in neue, spirituelle Sichtweisen gebraucht, die ich dir mit diesem Artikel näher bringen möchte.

Angst als Teil unserer Seelenaufgabe

Aus der Spiritualität weiß ich inzwischen, dass in mir selbst die Heilung meiner Glaubenssätze angelegt ist. Ich habe außerdem die Gewissheit, dass meine Seele auf ihrem Weg eben solche Themen bearbeiten und in die Auflösung bringen möchte, die sich mir in meinem Leben zeigen. Wenn du dich also fragst, ob ich es meiner Mutter nachtrage, mich als Kind auf Gefahren sensibilisiert zu haben, dann kann ich diese Frage mit einem klaren „Nein!“ beantworten. Im Gegenteil, meine Seele hat sich genau diese Inkarnation ausgesucht, um (unter anderem) dieses Thema gespiegelt zu bekommen. Nur hierdurch bin ich in diesem Leben in der Lage, echtes inneres Wachstum zu erfahren. Meine Mutter ist deshalb Teil meines Seelenplans und ich bin Teil des ihren. Du kennst sicher das Sprichwort: "Nichts geschieht ohne Grund". Wenn wir dies erst einmal verstanden haben, begleitet uns das Vertrauen in ein göttliches Timing, das letztlich bestimmt, mit wem wir wann in unserem Leben in Kontakt kommen – jeden Tag.

Wie aber habe ich es geschafft, den Autopiloten im Überlebensmodus auszuschalten und mich immer öfter wahrhaftig dem Leben und der Freude zuzuwenden? Wenn es darum geht, Glaubenssätze aufzulösen, ist Erkenntnis der erste, schwerste und gleichzeitig wertvollste Schritt. Sobald du erkennst, dass deine Gefühle aus dir selbst heraus entstehen und durch deine Glaubenssätze beeinflusst werden, kannst du deinen Fokus verändern und dadurch auf Dauer deine mentalen Überzeugungen neu formulieren. Die Kraft der Selbstverantwortung für deine Wahrnehmung, deine Emotionen und deinen Umgang mit Erfahrungen ist der elementare Schlüssel, um innere Themen in die Wandlung zu bringen. Es geht also darum, deiner Angst als Emotion bewusst zu begegnen, dir ihrer Existenz überhaupt erst einmal bewusst zu sein, um dann durch innere Arbeit den Weg aus ihr heraus zu finden. Sei also sensibel für die Emotionen, die dein Handeln beeinflussen. Finde den Weg aus deinem Verstand, der dir penibel erklären kann, warum es besser wäre, das eine oder andere nicht zu tun und finde heraus, ob hinter deinen Entscheidungen nicht vielmehr Emotionen stecken, die dich unbewusst klein halten.

Mit der Atmung ins Vertrauen

Der Weg, den du aus dieser Erkenntnis heraus mit deiner Schöpferkraft beschreitest, führt von der Angst in das Vertrauen – aber das geht selten von heute auf morgen. Du darfst hierzu mit Übungen beginnen, die dir in der konkreten Angstsituation helfen. Eine große Hilfe kann beispielsweise dein Atem sein.

Sofern sich dir in einer Situation Angst als Emotion zeigt, darfst du durch eine Fokussierung auf deinen Atem deine Wahrnehmung auf dein Inneres verschieben und so aus der Bewertung deines Umfeldes heraustreten. Unterdrücke deine Angst nicht, sondern nehme sie an – allein dadurch entkräftest du sie bereits. Angst ist eine Emotion und als solche wirst du sie nicht allein durch deinen Verstand lösen können. Erlaube dir deshalb, die Angst zu fühlen. Erst hierdurch schaffst du Bewusstheit für diese Emotion und kannst sie demaskieren. Identifiziere die Angst als eine alte Emotion, die dir nun nicht mehr dient und gehe mit Bewusstheit ins Vertrauen.

Probiere folgende Übung

Aber Angst verschwindet nicht einfach so. Vielmehr transformiert sie sich nach und nach in positive Emotionen wie Vertrauen, Hoffnung oder Zuversicht – mit jedem Schritt ein wenig mehr. Erinnern wir uns an das obige Beispiel mit dem Wanderweg:
Wenn du dich setzt und deine Wahrnehmung nach innen richtest, deine Atmung verlangsamst und ihren Fluss still beobachtest, dann wirst du die Angst in dir auf emotionaler Ebene lokalisieren können. Fühle, wo du die Angst empfindest. In der Brust? Im Bauch? Ist der Ort, an dem du die Angst fühlst, erst einmal ausgemacht, kannst du durch bewusste Atemübungen deinem Körper signalisieren, dass er vertrauen darf und dieses Vertrauen in genau diese Körperregion kanalisieren. Dabei hilft dir zum Beispiel die 4-7-8-Atmung: Du atmest vier Sekunden lang ein, hältst den Atem für sieben Sekunden an und atmest dann acht Sekunden lang aus. Wiederhole das für einige Minuten. Durch die längere Ausatmung entspannst du deinen Körper und beruhigst dein Nervensystem, das aus dem angsterfüllten Kampf- oder Fluchtmodus dann in den Entspannungsmodus wechseln kann.

Nimm dir für die Übung der bewussten Wahrnehmung deiner Angst, kombiniert mit entspannenden Atemübungen, so viel Zeit, wie du benötigst. Du wirst merken, dass sie dir mit der Zeit immer leichter fallen wird – bis der Moment kommt, an dem du gänzlich auf sie verzichten kannst. Weil du gelernt hast, nicht mehr hauptsächlich Gefahren in deiner Umwelt auszumachen, sondern deinen Fokus in erster Linie auf die unendliche Schönheit des Lebens zu richten.

Wenn du bereits mit der EFT-Klopftechnik vertraut bist, kannst du auch auf diese zurückgreifen. Wichtig ist nur, dass du ein Tool zur Verfügung hast, das in der Lage ist, deinen Fokus auf dein Inneres zu richten und deine Angst als Emotion im Körper zu lokalisieren und schließlich durch dein wertfreies Bewusstsein aufzulösen.

Diese Vorgehensweise kannst du auf jede Form der Angst anwenden, die dir begegnet. Abgesehen von den genannten Alltagsängsten, kannst du mit dieser Technik auch Verlustängste oder finanzielle Ängste identifizieren und in die Auflösung bringen.

Ich hoffe, dass dich dieser Artikel einen wertvollen Schritt zurück in dein Vertrauen und damit in deine Kraft bringt. Teile gerne in den Kommentaren mit der PhiMa-Community, in welchen Situationen du mit Ängsten konfrontiert wirst, wie du dir diese Ängste bewusst machst, um sie schließlich zu transformieren oder – sehr gerne auch – welchen Herausforderungen du dabei begegnest.

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