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Spiritueller Lifestyle
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23.3.2022

Unterdrückte Wut

Erfahre, wie sich unterdrückte Wut in deinem Körper bemerkbar macht und wie du sie auf konstruktive Weise kanalisieren kannst.
Phi mit Team

Ich sitze vor dem aufgeklappten Laptop am Küchentisch – der aufgrund des Corona Lockdowns nun vielfältige Verwendung findet und versuche mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Von oben ruft mein Sohn: „Mama, Mathe ist doof, kannst du mir helfen?“ Unter dem Tisch spielen meine zwei Kleinen, die jetzt eigentlich im Kindergarten wären, Feuerwehreinsatz mit lautem Sirenengeheul. „Oh nein, so wird das nie fertig“, denke ich. Seit einigen Wochen sind stechende Kopfschmerzen mein ständiger Begleiter, mein Nacken schmerzt, zudem fühle ich mich morgens genauso müde wie abends. Und ich schaffe es nicht mehr, mich zu konzentrieren, irgendwie ist mir alles zu viel. In der Küche stapeln sich Berge an Geschirr, überall regiert das Chaos. Wie kam das nur? In den ersten Wochen des Lockdowns habe ich mich wie Super Woman gefühlt und war der festen Überzeugung, dass es kein Problem sei, die Kinder, die Arbeit und den gesamten Haushalt unter einen Hut zu bekommen. Anfangs habe ich das alles auch wunderbar gestemmt. Aber nach einiger Zeit wuchs mir mein multifunktionales Dasein über den Kopf und es häuften sich Momente, in denen ich einfach nur schreien und möglichst weit wegrennen wollte. Dieses Gefühl habe ich jedes Mal im Keim erstickt, verdrängt und einfach weitergemacht. Es muss ja schließlich weitergehen. Und jetzt bin ich einfach nur noch müde. Resigniert lasse ich meinen Kopf auf meine Arme sinken und beschließe, einfach so liegenzubleiben. Was um alles in der Welt ist bloß mit mir passiert?

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Wollen wir Wut als ein Signal des Körpers verstehen, gehen wir einmal back to the basics und beleuchten, was Wut überhaupt ist und was im Körper passiert, wenn wir wütend sind.

Unter Wut wird eine heftige Reaktion verstanden, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Der Körper schüttet die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin aus, der Herzschlag beschleunigt sich, Blutdruck und Muskeltonus steigen an. Durch den erhöhten Blutdruck schottet sich das Gehirn von Außenreizen ab. Es entsteht eine leicht differenzierte Wahrnehmung, die sachliche Argumente ausblendet und Kurzschlusshandlungen fördert. Die Emotion „Wut“ ist folglich eine Mobilmachung von Energie im Körper, um unser Leben zu schützen und hat damit eine äußerst wichtige Funktion für uns. Wut gibt es wie Freude und Ärger bereits seit Anbeginn der Evolution.

Doch warum werden wir überhaupt wütend? Wut entsteht als sekundäre Reaktion, nachdem wir uns zum Beispiel verlegen oder betrogen fühlen, die Dinge nicht so laufen wie wir es uns wünschen, wir missverstanden werden oder wenn unser Standpunkt mit dem einer anderen Person kollidiert. Durch unsere Wut haben wir somit die Chance, zu erkennen, wo Dinge im Argen liegen oder wo Zustände einer Veränderung bedürfen.

Aber warum nutzen wir diese Energie nicht für uns, sondern verdrängen die Wut oder schlucken sie herunter? Wichtig zu wissen, ist, dass die Wut keineswegs verschwunden ist, nur weil wir sie nicht zugelassen haben. Diese immense Energie die mobilisiert wurde, steckt nun vielmehr im Körper fest und kostet ihn enorme Kraft. In etwa so als würde man versuchen, einen mit Luft gefüllten Ballon unter Wasser zu drücken. Es ist zwar grundsätzlich machbar, erfordert aber stetige Aufmerksamkeit und Anstrengung. Und diese Energie, die der Körper für die Unterdrückung der Emotion aufwenden muss, steht dann für das alltägliche Leben nicht mehr zur Verfügung. Zudem blockieren unterdrückte Gefühle den freien Energiefluss im Körper, was sich negativ auf das Immunsystem auswirken kann. Auf Dauer machen unterdrückte Gefühle krank. Das Immunsystem wird schwächer und wir werden anfälliger für Infekte. Die körperliche Seite spiegelt durch Beeinträchtigungen wie Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Magenproblemen, Nierenschäden, Kopfschmerzen und Schwindel die innere Gefühlswelt wider. Auf psychischer Ebene kann es zu Depressionen, Angstzuständen, Suchterscheinungen sowie Schlaflosigkeit beziehungsweise wenig erholsamen Schlaf kommen.

Diese, bei weitem nicht vollständige, Auflistung sollte uns aufwecken, in uns hinein zu spüren. Für uns und unsere Gesundheit ist es von elementarer Bedeutung, unsere Gefühle zuzulassen. Doch was können wir konkret tun, wenn wir unterdrückte Wut in uns tragen? Der allererste Schritt besteht darin, wieder einen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu bekommen. Und wie geht das? Achtsamkeits- und Wahrnehmungsübungen durch bewusstes Fühlen, Spüren und Wahrnehmen sind hierbei äußerst hilfreich. Durch diese „Innenschau“ können wir versuchen, die Wut im Körper zu lokalisieren und zu begrüßen, um herauszubekommen, was uns unser Gefühl mitteilen möchte. Ein weiterer Punkt ist Schreiben. Das Aufschreiben kann dazu beitragen, dass sich die Gedanken ordnen und wir die Dinge wieder klarer sehen können. Beim Schreiben können wir gezielt darauf achten, positive Sätze zu formulieren, wie beispielsweise „Ich akzeptiere meine Wut. Denn sie fordert mich zum Handeln auf.“

Wut hilft uns dabei, uns permanent weiterzuentwickeln und zu wachsen. Wut ist Energie, ein inneres Feuer, das wir gezielt für unsere persönliche Entwicklung und für die Umsetzung unserer Wünsche nutzen können. Machen wir zum Abschluss doch noch einen kleinen Ausflug zurück in die Kindheit. Hier wird oft der Grundstein dafür gelegt, ob wir Wut gut zeigen und auszuleben können oder nicht. Vielleicht kommen einigen Leser folgende Sätze bekannt vor:

  • „Sei doch nicht so wütend, was sollen denn die Leute denken?“
  • „Hör auf zu schreien, ich bekomme Kopfschmerzen von diesem Lärm.“
  • „Reiß dich zusammen, wie siehst du denn aus, dein Kopf ist schon ganz rot.“
  • „Nicht in diesem Ton junger Mann/junge Dame!“

Diese Aussagen sind eingebunden in eine Konfliktsituation und stehen in Verbindung mit einer deutlichen Ablehnung von Seiten der Bezugsperson, wodurch sich diese Glaubenssätze bilden:

  • „Wenn ich wütend bin, werde ich abgelehnt.“
  • „Wenn ich wütend bin, bin ich nicht liebenswert.“

Und viel mehr noch: Es bildet sich ein Automatismus aus, Wut zu unterdrücken und gerade nicht auszuleben. Das kann soweit führen, dass man nicht mehr in der Lage ist, wahrzunehmen, dass man wütend ist, sondern diese Wutemotion in beispielsweise Traurigkeit umdeutet. Wenn du wissen möchtest, mit welchen Methoden du deine Glaubenssätze selbstständig aufspüren sowie auflösen kannst, ist das Replay meines Workshops „Auflösung negativer Glaubenssätze“ genau das Richtige für dich. Um dem oben genannten Automatismus entgegenzuwirken, ist es wichtig, dass bereits Eltern ihren Kindern einen guten Umgang mit ihren Gefühlen vermitteln und sie dabei unterstützen, ihre Gefühle auszuleben. In meiner Familie habe ich zum Beispiel eine Art Ritual eingeführt. Immer wenn meine Kinder merken, dass sie wütend sind, nehmen sie einen Tennisball , werfen diesen gegen die Tür und sagen oder schreien dabei: „Ich bin wütend. Ich bin so wütend!“ Nachdem sie die Wut herausgelassen haben, sprechen wir darüber, was es konkret war, das sie wütend gemacht hat. Hierdurch fühlen sie sich gesehen sowie ernstgenommen und lernen, das Wut etwas ganz Natürliches ist.

Fasse dir nun in der Widdersaison ein Herz und gehe unterdrückter Wut auf den Grund. Du glaubst gar nicht, wie fördernd es für dein Selbstbewusstsein ist, dich voller Mut deiner unterdrückten Wut zu widmen, diese aufzuspüren und zu kanalisieren. Wirf also diesen unnötigen, emotionalen Ballast über Bord und siehe selbst, wie unglaublich befreiend das ist.

Ich freue mich, wenn du mir in einem Kommentar verrätst, welche Erfahrungen du bisher mit unterdrückter Wut gemacht hast. Vielleicht hast du für die PhiMa Community ja auch einen Tipp, wie man Wut auf heilsame Weise kanalisieren kann.

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