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Ganzheitliche Psychologie
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03.7.2022

Systemische Aufstellung

Dieses Tool ist unglaublich hilfreich, um Systeme, wie beispielsweise die eigene Familie besser zu verstehen und unbewusste Dynamiken aufzudecken.
Phi mit Team

Es ist wie Aktenzeichen XY ungelöst: Wir haben ein Problem, das wir genau benennen können – gründlich analysiert und uns damit auseinandergesetzt – aber: Wir stecken fest. Wieder und wieder finden wir uns in Situationen mit genau diesem Problem gefangen. Und das, obwohl wir gefühlt alles Erdenkliche zur Aufarbeitung unternommen haben. Warum bloß ändert sich nichts? Oh, I wish I could fly… Es wäre so schön, einfach einmal frei wie ein Vogel zu sein, sich hoch hinauf in die Lüfte zu schwingen und das ganze Sein und Wirken aus einer völlig anderen Perspektive zu betrachten, denn:

Wer die Perspektive ändert, sieht die Dinge in einem ganz anderen Licht.
– Engelbert Schinkel

Und genau hier kann uns die systemische Aufstellung unterstützen. Doch was ist das überhaupt und was wird da eigentlich genau gemacht? Wir möchten dir heute in diesem Artikel das befreiende und heilsame Tool der systemischen Aufstellung vorstellen. In der systemischen Aufstellungsarbeit werden die Mitglieder eines Systems – wie beispielsweise die eigene Familie, eine Organisation oder das Unternehmen, in dem man arbeitet – einzeln aufgestellt und miteinander in Beziehung gesetzt.

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Dadurch können Zusammenhänge und Wechselwirkungen, die die Mitglieder des jeweiligen Systems aufeinander haben sowie wiederkehrende Muster und Beziehungskonstellationen sichtbar und vor allem bewusst gemacht werden. Die Aufstellung erfolgt entweder mit „echten“ Menschen oder auch Spielfiguren. Die Person, deren Problem beleuchtet wird, nimmt die Rolle des Beobachters ein und stellt auch für sich eine(n) Stellvertreter:in auf. Aufgestellt wird dergestalt, dass die Stellvertreter bzw. Gegenstände so räumlich zueinander in Beziehung gebracht werden, dass dies dem aktuellen Problem entspricht.

Was bringt das, ein System aufzustellen? Zur Veranschaulichung folgendes Beispiel: Der Vater ignoriert die Kinder. Die Kinder machen besonders viel Lärm, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Weil die Kinder so laut sind, ist die Mutter die ganze Zeit gestresst. Weil die Mutter andauernd schlechte Laune hat, kriselt die Ehe... Hier werden die Wechselwirkungen des Systems „Familie“ erkennbar, ein Rädchen greift ins andere. Würde man lediglich das Verhalten der Mutter als Individuum herauspicken und betrachten, wäre das nur ein separiertes Puzzleteil. Um jedoch sehen zu können, was einen Menschen veranlasst, etwas zu tun, wird bei der systemischen Aufstellung das Gesamte betrachtet. Es ist wie bei einem Schachspiel: Bewegen wir eine Spielfigur, beeinflusst dies auch die anderen. Sobald wir auf einen weiteren Menschen treffen, entstehen Wechselwirkungen. Allerdings sind wir uns dieser Wechselwirkungen meist nicht bewusst, was an der unterschiedlichen Wahrnehmung der Realitäten liegt. Der Eine nimmt etwas auf seine Art wahr, der Nächste sieht das Gleiche völlig anders. Und doch glauben beide, dass ihre Wahrnehmung die Richtige ist. Wir können die Differenz zwischen unserer subjektiven Wahrnehmung und der Realität in der Regel nicht sehen.

Und wie geht es nun weiter, bzw. wofür ist das hilfreich?

Innerhalb eines Aufstellungsprozesses erlangen wir durch den Perspektivenwechsel ein Gefühl von Distanz, das es uns erlaubt, den Konfliktbereich von außen zu betrachten und zu beobachten. Wir bekommen die Möglichkeit, anders auf die Situation zu reagieren und somit völlig neue Lösungsansätze zu entwickeln. Zudem erhalten wir dadurch die Chance, für uns neue Handlungsmöglichkeiten zu definieren und unser eigenes Wirkungspotenzial besser kennenzulernen. Beeindruckend ist, dass eine Veränderung unseres eigenen Verhaltens eklatante Auswirkungen auf unser System als Ganzes hat. Automatisch verhalten sich dadurch auch die weiteren Mitglieder anders.

„Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise; und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.“
- Manfred Sieba

In welchen Bereichen kann das noch helfen?

Viele unserer unbewussten Muster führen uns in die eigene Kindheit zurück. Sie haben sich dort gebildet, sind seither ein Teil von uns und haben einen maßgeblichen Einfluss auf unser Leben. Wir, als Erwachsene, wissen häufig nicht um deren Existenz und hinterfragen sie nicht. Dadurch setzt sich in - für uns - reizauslösenden Situationen ein innerer Automatismus in Gang. Wir entscheiden folglich nicht selbst, sondern leben eine unbewusste Konditionierung, die uns mitunter einschränkt, blockiert oder sabotiert. In einer Familie dürfen wir unsere Kinder aufmerksam beobachten. Sie spiegeln durch ihr Verhalten oft Störungen des Familiensystems. Die Aufdeckung unbewusster Muster ist u.a. eine Aufgabe vom Familienstellen.

Es gibt jedoch auch Muster, die noch viel weiter als in unsere eigene Kindheit zurückreichen. Auf den ersten Blick vielleicht etwas verwunderlich, aber wir können beispielsweise auch unbearbeitete Probleme und Traumata unserer Vorfahren in uns tragen, sogenannte transgenerationale Traumata. „Nicht alle Päckchen die du trägst, sind deine eigenen.“ So sind in diesem Fall nicht wir selbst, sondern das System, in das wir hineingeboren wurden, die Ursache unseres Problems. Dazu folgendes vereinfachtes Beispiel: Unsere Großeltern wurden durch Krieg zu Flüchtlingen, verloren ihr gesamtes Hab und Gut und flüchteten in ein Land, in dem sie sich nicht willkommen fühlten. Wurde dieses Trauma von Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit etc. der Großeltern von diesen nicht aufgearbeitet und womöglich sogar „totgeschwiegen“, kann es in unserem Leben weiter fortbestehen und sich beispielsweise in Existenzängsten oder auch dem dauernden „auf der Suche sein“ (Partner, Job, Haus) äußern. Wenn der Mensch Traumatisches erlebt, kann das Gehirn das Erlebte nicht adäquat verarbeiten und spaltet die traumatischen Anteile ab. Ein transgenerationales Trauma ist folglich ein Trauma, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, von den Eltern an die Kinder und Kindeskinder. Konkret gesagt, wir bekommen ab, was nicht verarbeitet und in die Heilung gebracht wurde.

Eigentlich simpel aber wahr: Wir selbst verdrängen häufig unangenehme Gefühle, vielleicht spüren wir die Blockade, wollen aber nicht hinschauen. Unsere aufgestellten Stellvertreter haben unsere eigene Zensur nicht, das bedeutet, die Muster und Blockaden können durch ihre Objektivität sichtbar gemacht werden. Etwaige Gedanken, die wir über uns und unser Problem haben, sind subjektiv und helfen meist nicht weiter. Im Rahmen der Aufstellungsarbeit wird das Unbewusste sichtbar gemacht. Denn die Gedanken über uns und das, was in unserer Seele passiert, sind zwei Paar Stiefel. Durch das Aufdecken der unterbewussten Muster, Konditionierungen und Verhaltensweisen sowie durch die Einblicke, die man in das Verhalten der anderen Personen des Systems erhält, verändert sich die Dynamik innerhalb des Systems. Die Offenlegung der gewonnenen Erkenntnisse besitzt eine klärende und zugleich auch heilsame Wirkung.

Was brauchen wir dafür?

Vor allem den Mut, hinzuschauen. Durch Aufstellungsarbeit kann ans Licht kommen, was sonst von unserer eigenen Zensur in Schach gehalten wird: Das Unterdrückte, Versteckte, Verborgene. Daher sollten wir uns fragen: Möchte ich wirklich etwas ändern? Habe ich den Mut dazu? Ist unsere Antwort ein klares „JA“ dürfen wir loslegen. Mache dir bewusst, dass Veränderung am Anfang immer schwer, in der Mitte chaotisch und am Ende wunderschön ist!

Hast du bereits Erfahrungswerte mit systemischer Aufstellungsarbeit? Wir freuen uns riesig, wenn du in einem Kommentar deine Erfahrungen mit uns teilst und anderen Mut machst, dieses wundervolle Tool für sich zu entdecken und zu nutzen.

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