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Ganzheitliche Psychologie
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07.6.2022

Emotionale Kommunikation

Wie du Konflikte lieben lernst und selbst in emotional aufgeheizten Situationen bei dir und deiner Wahrheit bleibst.
Phi mit Team

Nach einem dieser üblichen Kommunikationsseminaren („Du kannst nicht nicht kommunizieren“, Ich-Botschaften und aktives Zuhören) sagte ein Kollege zu mir: „Das, was ich heute im Seminar gehört habe, kenne ich schon seit Jahren! Mein Problem ist nicht das Nichtwissen, sondern, dass ich es nicht anwenden kann, wenn ich es am dringendsten brauche.“

Nämlich genau dann, wenn ihn seine Emotionen fest im Griff haben. In Konflikten mit anderen. Dann kocht seine Wut hoch und er verteidigt seine Grenzen und kommuniziert nur noch in Du-Botschaften, beleidigt, droht mit Konsequenzen, lockt mit Belohnungen, weicht nicht ab, setzt sich durch.

Aber nicht nur wenn seine Wut hochkocht, übernimmt ein Automatismus der Urzeit und er reagiert nur noch mit „Fight, Flight, Freeze oder Fawn“. Sondern auch wenn er unsicher ist, enttäuscht wird oder Angst verspürt, treten diese Mechanismen auf. Dann reagiert er so ganz anders, als er eigentlich sein will.

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Dann hört er Wörter aus seinem eigenen Mund, die er seinen Kindern verbieten würde. Dann vertritt er eine Meinung, die gar nicht seine ist. Dann geht er einen Kompromiss ein, obwohl dieser Nachteile für ihn bringt. Er erlebt Konflikte als negativ. Wenn wir es nüchtern betrachten, haben Konflikte für ihn (und für die anderen) so gar keinen Vorteil.

Und genau das ist der springende Punkt. Wir haben nämlich bei dieser emotionalen Austragung von Konflikten alle keinen einzigen Vorteil und haben insofern auch gar keine Lust auf Konflikte. Wozu auch? Um Dampf abzulassen, unsere egobehaftete Macht auszuüben, auf unseren Gefühlen oder den Gefühlen des anderen herum zu trampeln? Nein. Denn dadurch wird es uns langfristig nicht bessergehen. Was machen wir also? Wir sind Meister darin geworden, ein wertschätzendes und harmonisches Miteinander zu leben. Dabei machen wir unter Umständen den größten Fehler: Wir gehen Konflikten aus dem Weg. Wir vermeiden sie. Leider hilft uns das langfristig auch nicht weiter. Denn unter dem Deckmantel von Frieden und Harmonie entdecken wir viele destruktive Verhaltensweisen.

Wir umgehen in weiser Voraussicht konfliktbehaftete Themen, umschiffen unangenehme Gespräche und treffen Entscheidungen gegen unsere Bedürfnisse und das nur um des lieben Frieden willens. Was einen nachhaltigen und konstruktiven Umgang mit Konflikten angeht, stehen wir also noch ganz am Anfang unserer Geschichte. Die gewaltfreie Kommunikation von Rosenberg und die beziehungsfördernde Kommunikation nach Gordon geben Methoden an die Hand, wie wir in Konfliktsituationen friedvoll miteinander sprechen können. Hierbei ist ein wichtiger Bestandteil, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und über Bedürfnisse zu sprechen. Das Wissen, wie wir friedvoll kommunizieren können, ist da. Und viele wenden es schon erfolgreich an.

Gleichzeitig sind wir oft noch unerfahren, wenn es darum geht, emotionaleren Konflikten gelassen zu begegnen, das Beste für beide Seiten herauszuholen und anschließend die durch den Konflikt entstandene Nähe zu genießen. Denn das Geschenk eines Konflikts ist genau das: Es entsteht Nähe und Verbundenheit. Wir verstehen und sehen uns wahrhaftiger. Wir fühlen den anderen, der andere fühlt uns. Wir sind uns nah und verbunden.

Die entscheidende Frage lautet: Worin liegt das Geheimnis, auch in emotional aufgeladenen Situationen verbunden zu bleiben?

Die Grundlage dafür ist, mit sich selbst verbunden zu bleiben. Und dafür brauchen wir in diesen emotional aufgeladenen Situationen Ruhe und Zeit:

  • Zeit, um zu Atmen. Schließlich wollen wir vom „urzeitlichen Überlebensmodus“ ins Hier und Jetzt finden.
  • Zeit, um Gefühle wahrzunehmen, sie anzunehmen und wieder loszulassen. Lasse den Widerstand, die Mauern um dein Herz, die du direkt hochgefahren hast, sinken.
  • Ruhe, um in dich hinein zu fühlen. Was ist dir wirklich wichtig? Um welches konkrete Bedürfnis geht es dir eigentlich
  • Bitte u.U. dein Gegenüber um Zeit, weil du nachdenken möchtest. Vielleicht so: „Du bist mir wichtig. Deswegen möchte ich mir Zeit nehmen, um über unseren Konflikt nachzudenken und eine solide Basis für ein weiteres Gespräch mit dir zu schaffen. Mir liegt es am Herzen mit dir gemeinsam eine Lösung zu finden, die für uns beide passt.“

Du hast dir Ruhe und Zeit genommen, deine Emotionen zu halten und hast es geschafft, mit dir selbst verbunden zu bleiben. Herzlichen Glückwunsch! Das ist schon so viel wert und das Fundament dafür, dass du auch mit deinem Gegenüber verbunden bleiben kannst. Wenn du das schon gut hinbekommst, steht dem nächsten Schritt nichts mehr im Wege.

Wie du in Konflikten verbunden bleibst

In emotional aufgeladenen Konflikten liegt die Kunst darin, den anderen wirklich und wahrhaftig zu sehen. So einfach? Jaaaaa, sooooo einfach ist das gar nicht… Schließlich braucht es schon viel Mut, sich trotz unangenehmer Gefühle für den anderen zu öffnen, selber radikal ehrlich zu sein und sich dadurch radikal verletzlich zu zeigen. So öffnest du den Raum dafür, dass sich auch der andere verletzlich zeigen mag und die Bereitschaft entwickeln kann, über seine Wahrheit zu sprechen.

So geht’s:

Stelle dir vor, du bist an einem Konflikt beteiligt. Und du bist getriggert. So richtig! Wut, Angst, Trauer, ein Gefühl der Ohnmacht, ein Kloß im Hals: Ein wirklich unangenehmes Gefühl übernimmt die Oberhand. Oft bemerken wir es gar nicht: Wir entwickeln einen Tunnelblick.

Du siehst nur noch dich, spürst die Intensität deiner Gefühle. Dein größter Wunsch ist, dass dein Gegenüber eine Kehrtwende macht, dir zustimmt und du bekommst, was du möchtest. Es ist wie ein Nebel, der sich zwischen euch legt. Du hast keinen Zugang mehr zum anderen. Und das verhindert einen friedvollen Lösungsprozess.

Deswegen: Atmen. Tiiiiiief durchatmen. Gefühle fühlen. Dich mit dir verbinden. Und dann kommt der Gamechanger! Du bist eine richtige Heldin, wenn du diesen Shift hinbekommst:

Schieb deine Gefühle und Bedürfnisse mal für einen kurzen Moment zur Seite. Sie sind wichtig und erhalten später wieder ihre angemessene Aufmerksamkeit.

Hinter den Worten, dem Verhalten, der Energie des anderen steckt eine Botschaft, die ihr herausfinden könnt. Mache dein Herz so richtig weit und öffne dich für dein Gegenüber. Fühle dich in ihn hinein und höre aufmerksam zu. Blicke hinter die Fassade des anderen. Was möchte dein Gegenüber hinter all der Emotionalität zum Ausdruck bringen? Tipp: Falls du gar keine Idee hast, was es sein könnte, frage nach. Und wenn es ihm auch noch nicht klar ist, könnt ihr es gemeinsam herausfinden.

Das Ziel ist es, von der Oberfläche, wo der Konflikt entstanden ist, in die Tiefe zu gelangen, wo die Konfliktlösung zu finden ist.

Ein Beispiel: Stell dir vor du bist müde und dein/e Freund*in möchte sich mit dir treffen. Du sagst ab und dein/e Freund*in sagt wütend „Nie hast du Zeit für mich“. Wie könntet ihr aus diesem Konflikt, der sich aus deiner Perspektive definitiv nicht lösen lässt, weil du gleich schlafen gehst, ein wertvolles Gespräch entwickeln?

Du: „Du bist wütend und enttäuscht.“
Partner*in: „Ja.“
Du: „Du hast dich darauf eingestellt mit mir den Abend zu verbringen.“
Partner*in: „Ja.“
Du: „Und du bist frustriert, weil ich in letzter Zeit häufiger keine Zeit für dich hatte.“
Partner*in: „Ja.“
Du: „Das kann ich verstehen. Möchtest du wissen, warum ich in letzter Zeit so wenig Zeit für dich hatte?“
Partner*in: „Ja.“
Du: „Ich arbeite momentan an einem wichtigen Projekt. Da stecke ich alle meine Energie rein. Und gleichzeitig vermisse ich dich und unsere gemeinsamen Stunden. Das Projekt ist mir wichtig und du bist mir wichtig. Und jetzt wo ich das ausspreche merke ich, dass ich dir das in letzter Zeit viel zu wenig gesagt habe.“
Partner*in: „Ja. Ich habe das Gefühl alles andere ist wichtiger als ich.“
Du: „Was kannst du denn in den Phasen, in denen ich weniger Zeit für dich habe, tun, damit du dich besser fühlst?“
Hier kann auch noch tiefer geforscht werden, worum es wirklich geht. Ist es die körperliche Nähe? Ist es Lebensfreude: Lachen beide viel miteinander? Oder fühlt er sich in deiner Nähe wertgeschätzt und verstanden? Möchte er ein Problem mit dir besprechen, bei dem er nicht weiterkommt?

"In der Partnerschaft muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man etwas mehr voneinander."
(Johann Wolfgang von Goethe)

Nachdem du den anderen wirklich und wahrhaftig gesehen hast, könnt ihr euch nun die Frage stellen:
Wie können jetzt dein und mein Bedürfnis in einer Lösung zusammenkommen? Und dann schreibt ihr möglichst viele Ideen auf, die beide Bedürfnisse beinhalten. Ist schon eine passende Lösung für euren Konflikt dabei? Ja? Super, dann habt ihr einen Konflikt erlebt, aus dem eine Win-Win-Situation geworden ist. Wenn nicht, schreibt weitere Ideen auf und werdet kreativ. Es lässt sich in den meisten Fällen eine Win-Win-Situation finden.

Und manchmal reicht es aus, wenn der eine sein „Nein“ ausspricht und sich Zeit nimmt, den anderen zu sehen. Auch dann kann der Konflikt gelöst sein und beide Seiten zufrieden.

Wie du Konflikte lieben lernst

Konflikte sind das Beste, was dir zwischenmenschlich passieren kann. Denn dann erhaltet ihr beide die Möglichkeit radikal ehrlich und radikal verletzlich eure Wahrheiten zu finden und auszusprechen. Und Wahrheiten miteinander zu teilen ist romantisch und sexy zugleich. Wir gewähren dem anderen einen tiefen Einblick in unsere Seele. Gesehen zu werden und jemand anderen so zu sehen, wie er wahrhaftig ist, ist ein großes Geschenk, das wir (nicht nur) durch Konflikte miteinander erleben können.

Deswegen: Lasst uns Konflikte lieben, sie bringen uns eines der größten Geschenke hier auf Erden: Diese wundervollen Momente tiefer Verbundenheit.

Hast du Impulse zu diesem Thema, die du gerne mit uns teilen würdest? Dann verrate sie uns in einem Kommentar. Wir freuen uns riesig, von dir zu lesen.

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