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Ganzheitliche Psychologie
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20.4.2022

Die Welt mit Kinderaugen sehen

Wie wir von Kindern mehr Leichtfüßigkeit lernen können
Phi mit Team

„Mama, schau doch mal wie hoch ich schaukel!“ ruft mein Sohn begeistert. „Ja, toll!“ antworte ich versunken, in Gedanken bei der E-Mail, die ich schnell nebenher ins Handy tippe. „Jetzt schau mal richtig, ich schaukel fast bis in den Himmel!“ ruft er stolz. „Super, mein Schatz.“ murmele ich und schaue in meinen Notizen den Einkaufszettel für heute durch. Auf einmal fällt ein Schatten auf mein Display und eine niedergeschlagene kleine Stimme neben mir sagt: „Was machst du denn, du bist gar nicht da, sondern die ganze Zeit nur am Handy.“ Oh, ich habe gar nicht gemerkt, dass mein Kleiner aufgehört hat zu schaukeln, ich hatte doch nur noch ganz kurz die letzten WhatsApp Nachrichten beantwortet. Und seit wann kann er eigentlich alleine von der Schaukel absteigen? Der vorwurfsvolle und gleichzeitig traurige Blick der Kinderaugen trifft mich mitten ins Herz. Entschlossen packe ich das Handy in den Wickelrucksack und beginne endlich wirklich da zu sein.

Denke daran, dass die Gegenwart alles ist, was du hast. Mache das Jetzt zum Mittelpunkt deines Lebens.

-Eckhart Tolle-

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Leider haben wir Erwachsene bisweilen verlernt, in der Gegenwart wahrhaftig präsent zu sein, jeden Augenblick bewusst wahrzunehmen und dabei, wie Kinder, dem Fluss des Lebens zu vertrauen. Stattdessen überlassen wir unserem Verstand und dem Meer an Gedanken, das Welle für Welle über uns hereinbricht das Feld und sind letztlich unentwegt damit beschäftigt, alles akribisch zu planen und von einem Termin zum nächsten zu jagen.

Häufig können wir ein gerade stattfindendes Ereignis gar nicht in vollen Zügen genießen, weil wir mit dem Kopf bereits im nächsten stecken. Durch unsere ständige Planung versuchen wir – in der Regel unbewusst – das Leben zu kontrollieren. Die Krux daran ist, dass wir es dadurch dem Leben erschweren, sich frei zu entfalten. Statt freudig und leicht, fühlen wir uns getrieben und schwer. Unsere Kinder dagegen leben vollkommen in der Gegenwart, sie grübeln nicht über Vergangenes und sorgen sich auch nicht um die Zukunft. Kinder sind neugierig und fasziniert vom Leben, brauchen keine Kontrolle über das, was womöglich eintreten mag.

Vor allen Dingen konzentrieren sie sich vollständig auf das, was sie gerade im Moment tun. Beobachten sie einen krabbelnden Käfer auf dem Boden, liegt dort ihr ganze Aufmerksamkeit. Riecht ein Kind verzückt an einer Blume, dann nimmt es einfach den Duft wahr und überlegt nicht, ob es nun Blütenstaub auf der Nase hat oder ob diese Blumen sich ganz perfekt für die Dekoration von Omas rundem Geburtstag eignen würden. Wie viele Leute kommen da nochmal genau? Ich muss dringend Oma anrufen, damit wir die letzten Details abklären… Present Moment Bye Bye! Wir dürfen von Kindern lernen, uns einfach nur auf das zu konzentrieren, was uns im Hier und Jetzt umgibt. Durch diese bewusste Achtsamkeit verankern wir uns leichter im gegenwärtigen Moment und können letztlich die Kontrolle abgeben. Das fühlt sich so gut an. Probiere es aus und go with the flow!

Let´s do it…. Oder besser doch nicht?

Als Erwachsene neigen wir dazu, alles mehrfach zu überdenken und alle Möglichkeiten und Eventualitäten, die eintreten könnten, im Kopf durchzuspielen, bevor wir etwas tun. Bei einigen Entscheidungen mag dies empfehlenswert sein, jedoch bremst uns dies – wenn wir ganz ehrlich sind - einfach nur aus. Warum durchdenken wir Situationen oft bis ins kleinste Detail und brauchen einen ausgeklügelten Masterplan - am besten mit Erfolgsgarantie - bevor wir loslegen? Zum einen sind daran unbewusste Glaubenssätze beteiligt, die sich schon in der Kindheit gebildet haben:

  • „Ich bin nicht gut genug.” „Ich darf keine Fehler machen.” „Ich muss immer perfekt sein.“
  • „Ich bin ungeschickt.” „Das schaffe ich sowieso nicht.”

Wenn wir uns dieser automatischen Programme bewusstwerden, haben wir die Möglichkeit, sie aufzulösen und zukünftig durch positive Glaubenssätze zu ersetzen. Weiterhin spielt auch die Kultur, in der wir aufgewachsen sind, eine Rolle. „Kultur ist die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet.“ (Geert Hofstede 1991). Im deutschsprachigen Raum steht Perfektionismus in allen Bereichen des Geschäfts- und Privatlebens an vorderster Stelle. Dies kreiert eine persönliche Erwartungshaltung, dass alles immer sofort funktionieren muss. Fehler und Scheitern gelten als persönlicher Misserfolg. Was wiederum dazu führt, dass wir alles zunächst abwägen, durchdenken und auf Nummer Sicher gehen, bevor wir uns der Umsetzung unserer Ideen widmen. Was also tun?

Lasst uns unsere kindliche Seite aufwecken. Gehen wir zurück in unsere Kindheit und erinnern uns daran, wie es war, Laufen zu lernen. Oder wir beobachten ein Kind, das gerade anfängt, zu laufen. Überlegt ein Kind bevor es seinen ersten Schritt macht, was alles schief gehen könnte? Nein, es läuft einfach darauf los, egal wie wackelig das zunächst ist. Und wenn es hinfällt, steht es wieder auf und versucht es erneut. Das Voranschreiten wurde in der Aries Season durch die Power des Widders befeuert. Die Devise lautete ganz klar: „Let`s do it!“. Einfach mal machen. Schließlich könnte es großartig, überragend und sowas von genial werden!

Wir alle haben unsere persönlichen Grenzen und das ist gut so!

Zurück auf dem Spielplatz sitzen mein Sohn und ich im Sandkasten und genießen die warmen Sonnenstrahlen und die laue Abendluft. Wir verfolgen den Weg einer Ameise durch den hügeligen Sand und lauschen dem fröhlichen Gezwitscher der Vögel. Die Idylle wird jäh unterbrochen, als mein Sohn plötzlich die Schaufel wegwirft, sich in den Sand legt und anfängt zu weinen. Wild reibt er seine Augen. Reflexartig zücke ich das Handy und bekomme direkt einen Schreck: Es ist schon 19 Uhr, das ist an und für sich die Ins-Bett-Geh-Zeit. Schnell befördere ich das jetzt lautstark schreiende Kind in den Buggy und eile nach Hause. Nachdem mein Sohn friedlich schläft, überkommt auch mich eine bleierne Müdigkeit. Mit leichtem Grauen denke ich an die morgige Deadline für meine Arbeit, die jedoch noch auf ihre Fertigstellung wartet. Einfach ausruhen, das wäre schön… Aber ich mache mir einen doppelten Espresso und setze mich an den PC.

Während Kinder durch klare Emotionen wie beispielsweise Weinen, Augenreiben und Quengeln deutlich ihre Grenzen zeigen, gehen Erwachsene schnurstracks darüber hinweg.

Eine gewisse Grundanspannung sorgt dafür, dass wir aufmerksam und konzentriert den Anforderungen des Alltags gewachsen sind. Rufen wir jedoch dauerhaft ein Leistungspensum auf hohem Niveau ab, stellen dabei eigene Bedürfnisse zurück und überstiegen eigene Ressourcen, kann uns der Leistungsdruck schaden.

Was treibt uns derart an und bringt uns dazu, unsere eigenen Grenzen zu missachten?

Auch hier übernehmen unsere meist unbewussten Automatismen das Ruder. Glaubenssätze, die wir in uns tragen sowie gesellschaftliche Erwartungen lassen uns in diesen Situationen nach einem wiederkehrenden Muster handeln. Eine weitere wichtige Rolle spielt die Digitalisierung. Da wir heute via Smartphone theoretisch immer erreichbar sind, verschwimmen Arbeit und Freizeit miteinander. Wollen wir abschalten, müssen wir uns, anders als früher, aktiv und bewusst von der Arbeit abgrenzen, also unseren eigenen Bedürfnisse und Grenzen Raum geben.

Auch bei diesem Aspekt dürfen wir uns ein Beispiel an den Kindern nehmen und wieder geht es um Präsenz. Während Multitasking oft als etwas Positives angesehen wird und Menschen, die nicht mindestens fünf Dinge gleichzeitig machen, belächelt werden, sollten wir uns bewusst machen, dass die Multitasking-Mentalität unserer Gesellschaft uns ständig aus dem Hier und Jetzt reißt. Schließlich genügt bereits eine einzige Sache, ein klitzekleines To Do oder eine unbedeutende Handlung, um uns aus dem Jetzt zu katapultieren. Wie sollen wir präsent sein, wenn wir uns mehrere Dinge parallel widmen?

Kinder richten ihren Fokus immer auf eine einzige Sache, genießen sie, erleben sie und kosten sie aus. Wir Erwachsenen dürfen uns demgegenüber immer wieder vor Augen führen, dass wir in unserem Verstand verloren gehen können und wir uns nur dadurch aus seinen Fängen befreien können, wenn wir uns im Hier und Jetzt verankern. Wie wäre es also damit, wenn du dich fünf Mal am Tag ganz bewusst auf deinen Atem konzentrierst, anstatt auf fünf Aufgaben gleichzeitig. Atme tief ein und aus, lausche auf die Geräusche, die dich umgeben und tauche in die Tiefen des Jetzt ein. Spüre, wie es sich gerade in dir anfühlt, bist du ruhig und entspannt oder getrieben und gestresst?

Lasst uns alle gemeinsam mehr Bewusstheit in die Welt tragen und uns ein Beispiel an (unseren) Kindern nehmen. Denn sie sind die wahren Vorbilder!

Wir würden uns riesig freuen, wenn du uns in einem Kommentar verrätst, was deine Tipps oder Tools sind, um dich im Hier und Jetzt zu verankern. Vielleicht hast du aber auch eine kleine Anekdote für uns, was dich (deine) Kinder bereits gelehrt haben.

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